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(Fortsetzung von I. Das Herz des Laertes)

II. Die Geschichte der zwei Könige des Himmels

Was ich erfuhr, als ich in der meiner Heimat so weit entfernten, prunkvollen Hauptstadt des Westlichen Reiches, einem Tor zu so vielen Geheimnissen, in einem dunklen, feuchten Gasthaus nach einem Zimmer und einem Teller einfacher Suppe und – wenn sie denn hätten – ein wenig Licht zum Schreiben fragte, das versetzte meine Neugier, die ohnehin schon von dem Verlangen nach neuen Erzählungen getrieben war, in unermessliche Erregung. Diese Erzählung, vorgetragen von einem Studenten der Sternkunde, würde mich, das konnte ich in den verschlungenen Pfaden meines Herzens spüren, noch lange in seinen Bann ziehen.

Ich reiste mit der Postkutsche in die Hauptstadt des Westlichen Reiches, ein Luxus, den ich mir nur deshalb erlaubte, da ich in einigen Dörfern eine Handvoll kleiner Münzen für das Verfassen mir seelenlos erscheinender Verse zu Feierlichkeiten erhalten hatte – eine Tätigkeit, die mir, wie ich nicht ohne Verlegenheit zugeben muss, zuwider ist, denn mein Herz wird nicht davon erfüllt, und dennoch kommt es mir das ein oder andere Mal gelegen, einen Taler für einige vorgefertigte, anspruchslose Strophen einzutauschen.
Ich kannte den Himmel dieses Landes mittlerweile gut genug, um vorhersagen zu können, dass es in nicht mehr als zwei Stunden zu dämmern beginnen würde, und da der leicht bewölkte Himmel den Geruch nach nahendem Regen nicht verdrängen konnte, wollte ich mir zuerst eine meinem dürftig gefüllten Geldbeutel angemessene Herberge suchen, bevor ich in den edlen Straßen und modrigen Gassen der Stadt umherwanderte, die der alten Kutsche und meinem nimmersatten Gefühl schon von Ferne ihren Schein, ja beinahe Glanz vorausgeschickt hatte.
So befragte ich umgehend eine bodenständig, ich möchte fast behaupten, bitterarme Dame, die bis auf einige unreife oder angefaulte Äpfel leeren Korb trug, an welchen Ort sich ein wandernder Dichter und Student – denn so bezeichnete ich mich, obgleich ich das in diesem Sinne keinesfalls war – ein einfaches Bett für die Nacht und einen stärkenden Eintopf finden könnte. Dabei lächelte ich ob meines seit Monaten nicht mehr ausgehfeinen Anzuges und des Staubes in meinem wirren Haar wie nur ein Chorknabe, der verschämt ein Lob an seiner Stimme abweist. Die Dame entblößte ihrerseits die gelben, morschen Zähne, griff in den von dem Schmutz vieler Jahre und der Ernährung vieler Kinder verkrusteten Hände nach einem Apfel in ihrem Korb – dem schönsten, wie ich bemerkte, klein, gelblich, verbeult und mit nur einer winzigen verdorbenen Stelle – und schenkte mir diesen Schatz.
„Weiß Gott, das hat ein blasser Bursche wie du nötiger als ich Krähe“, gab sie mir zu verstehen, während ihr Blick ganz fest und klar war, bis sie vom Husten geschüttelt wurde. Ich merkte, wie mir vor Rührung die Röte ins Gesicht stieg, und bedankte mich stotternd. Sie machte eine steife Bewegung mit der astgleich verkrümmten Hand, als wäre es nicht der Rede wert. Ich starrte aus Beschämung einen kleinen Augenblick zu Boden, der von Unrat und einigen sich windenden Tieren mit glänzenden Flügeln und Panzern bedeckt war, und als ich meinen Blick wieder hob, war die Dame bereits im Begriff zu gehen. In meinem Inneren ein wenig enttäuscht sah ich der schwankenden Gestalt nach, als sie sich noch einmal zu mir umwandte, als würde sie meiner ursprünglichen Frage erst jetzt gewahr.
„Bursche! Im König des Himmels, dreimal durch die Gasse da biegen“, gab sie mir zu verstehen und deutete angestrengt in den unauffälligen Schatten zwischen zwei Häusern, „kannst du kaum verfehlen, da geben sie dir nicht nur ein ordentliches Bett und eine Ochsensuppe, nach der man sich die Finger leckt! Ha, dort findet man immer das, wonach man wirklich sucht, und wonach man selten fragt!“
Dann wankte sie weiter, und es gelang mir, ihr mit ernster Stimme zu versichern, ich würde mich für ihren Rat und ihr Geschenk erkenntlich zeigen, doch ob sie mich hörte, als sie ging, vermochte ich nicht zu sagen. Ich blieb mit dem unbestimmbar reinen Gefühl, ich hätte die Möglichkeit, etwas Großartiges zu erleben, auf dem im Sonnenlicht schimmernden Marktplatz zurück, und das Licht brach sich im feuchten Schmutz und den staubigen Glasscheiben der Häuser wie in altem Samt. Während ich in die Gasse, die sie mir gezeigt hatte, ohne Furcht einbog, verspeiste ich mit gierig, jedoch nicht ohne zu genießen – meine letzte Mahlzeit lag schon fast einen Tag zurück und war nichts als etwas Brot und eine Brühe mit harten Bohnen gewesen – den Apfel, der zwischen unreifer Säure und vergorener Süße nicht das rechte Maß fand.

Es kommt mir nur schwer über die Lippen, nur muss ich erwähnen , dass ich niemand bin, der in Armut aufgewachsen ist, doch die Dünkel der Plutokratie bleiben mir immer ein flirrender dunkler Schleier, der sich über mein Gemüt auszubreiten nie die Macht hatte. Ich konnte mein Schwärmen für den Anblick, der sich mir nun bot, nur mit Mühe zurückhalten, denn einerseits blieb trotz des knotigen Wildapfels eine archaische Gier in meinem Bauch zurück, und die kräftezehrende Kutschfahrt durch von tausenden Gefährten zuvor zerfahrenen Wegen, die meinem in Regungslosigkeit verdrehten und zwischen anderen Reisenden eingeschraubten Körper und Geist Lektüre und Schreiben, Gespräch und Schlaf verweigert hatte, so unendlich müde, als hätte mich der zarte Mohn berauscht. Ach, und andererseits war ich begierig auf das natürliche, in seinen Empfindungen so wilde, unverstellte Wesen dieser Gesellschaft, die mich hier aufnehmen würde, mich überlief gar ein heimliches Prickeln, wenn ich an die Essenz jener Wirtshäuser dachte.
Der König des Himmels schien mir die leuchtende Darbietung aller fantastischen, schmutzigen Eigenschaften jener Gasthäuser zu sein, denn allein der von Schlamm und Unrat aller Art schmierige Tritt, die staub- und erdspritzerverdunkelten Butzenfenster und der Geruch nach schalem, sauren Bier, das den schnellsten Weg aus dem Körper suchen würde, und nach köstlichem Eintopf voller Grieben und Linsen machten mich dankbar, dass das Schicksal, in Gestalt einer unscheinbaren Tyche, mir begegnet war und mich gelenkt hatte. Ihr zu Ehren pflanzte ich das Kerngehäuse in den zähen, von juwelenartig glänzenden Fliegen umschwirrten Unrat, in der Hoffnung, ein Baum möge daraus sprießen, dessen verwachsene Früchte meine Freude und Ehrfurcht in sich tragen müssten, und wandte meinem Blick dem über der zeitgeschwärzten Tür mit kreischenden, vor Rost ermatteten Ketten befestigten hölzernen Schild zu. In das Holz, das in meiner Heimat wie in der Fremde denselben eigentümlichen Schimmer hatte, waren die kantigen Lettern kunstvoll eingekerbt, und ich erahnte ein Motiv, das, wenn ich es fokussierte, meinen Augen wie ein Staubkorn im Nebel entschwand, doch im Augenwinkel kurz so erschreckend hell aufblitzte, wie es vor Jahrzehnten im stolzen Frühlingslicht getrocknet war. Ich erahnte das Bild, wie ein geisterhaft unter altem Firniss zu einer ewigen Nachtszene entgleitendes Gemälde, und blickte, in einem Rahmen aus prallen Weinreben, in das Antlitz eines edlen Königs mit, wie es mir schien, gutmütigen und weisen Augen, wie sie sich jeder freie Mensch tief in seinem Herzen noch immer erseht, und an jeder Seite stützte sich ein wohlgenährter Säugling an die Arme des Vaters, wobei ein Knabe die Sonnenkugel, die andere die Mondsichel hielt. Ein temperaturloser Schauer, der meinen Herzschlag antrieb, stellte gleichsam die spärlichen Haare an meinen Unterarmen auf, die trotz dieser Reise, die der Feind jedes bequemen Müßigganges geworden war, zerbrechlich und blass wie von Mondlicht übergossenes Holz blieben, und nahm die eigenmächtige Reaktion meines Körpers als Befehl, die Schwelle zu überschreiten.
Die Erinnerung an unzählige ähnliche Stuben vermischte sich mir in klingend in den Ohren, schillernd in den Augen, duftend in der Nase mit dem Leuchten der Gegenwart. Oh, ich könnte aus meinem mittlerweile vor Erschöpfung pochenden Gedächtnis eine zufällige Szenerie wieder aufleben lassen, so die fassbäuchigen Wirte, die jene still über den schwappenden Flüssigkeiten in den irdenen Krügen brütenden Gesellen, deren Blick dem Glanz der Nüchternheit schon früh ermattet war, ebenso im Auge behielten wie die ihre Reizbarkeit und, eine traurige Folge, die Kraft ihrer Fäuste unterschätzenden Männer, in deren Wangen die Entbehrung tiefe Senken geformt hatte. Es war, wie mir der am Himmel rotierende Sonnenball flüsterte, den ich durch einen Sprung im leicht milchigen Fenster gebrochen, über die alten Dächer hinwegkriechend, wahrnahm, noch eine ausreichende Spanne bis zur Abendzeit, in der sich der hölzerne, vom Branntwein verfärbte Raum mit den Kindern der dunklen Gassen füllen würde, die mehr Münzen zum Fortschritt des Vergessens ihres Kummers über die Theke schoben, als sie guten Gewissens entbehren konnten. So durchschritt ich mit federndem Schritt den Weg bis zum mir vor fauliger Süße klebrig erscheinendem Tresen, hinter dem der wie aus Holz gehauen wirkende Wirt mich mit hochgezogener, massiver Augenbraue musterte, und ach, ich stellte mir mit taumelndem vor, wieich bald in der stickigen, schnapsgesättigten Luft den Geschichten dieser fremden, glänzenden Stadt, mehr einer Festung der Epochen, durch den hitzigen Strich meines Federkiels das Antlitz der Ewigkeit würde geben dürfen.
„Ha, Studenten verirren sich kaum um die Uhrzeit hierher, und ich muss das wissen, hab sie oft genug vor die Tür schleifen müssen, weil sie nichts vertragen. Was kann ich denn für einen Kerl wie dich tun?“ Seine brummende Stimme, die dem Klappern der großen Holzscheite, unachtsam in einen Brennofen geworfen, ähnelte, verwirrte mich für einen Atemzug, sodass sich mir der Sinn der Worte erst nach einem Augenblick der Stille, die vom Wirt mit dem Zusammenkneifen der Brauen über dem fleischroten, derben Gesicht bewertet wurde, erschloss, woraufhin ich mit leichtem Stottern, das sich nur in Phasen größter Unsicherheit meiner Sprache bemächtigte, darlegte, ich sei fremd, ein wandernder Student der Dichtkunst und der Volkskunde, und suche ein bescheidenes Quartier für die Nacht. Er grunzte leise, zustimmend, als hätte ich eine schweres Rätsel der alten Zeiten, der zeit des Marmors, zufriedenstellend gelöst, doch nach eine Sekunde der ausdruckslosen Stille begann er wieder zu sprechen.
„Na, Kerl, hat ja wohl seinen Grund, dass du dir hier im Schatten der Stadt ein Bett suchen willst und nicht in der Akademie da oben“ er deutete schwerfällig in eine unbestimmte Richtung, die vor dem Fenster lag, und ich ließ eine heimliche Beschämung auf meinem Gesicht aufflackern, als hätte ich unverzeihlich gesündigt, und traute mich nur schweigend in den finsteren Beichtstuhl, was seine Wirkung nicht verfehlte.
„Na, mir solls egal sein, viele Zahme zieht es manchmal hierher, und ich habs bald aufgegeben, Fragen zu stellen. Aber ein kleines Zimmer halten wir für Streuner immer frei, mach dir keine Sorgen. Die gute Aase zeigt dir den Weg rauf und bringt dir gleich was für den leeren Studentenbauch.“

(Fortsetzung unter Die Geschichte der zwei Könige des Himmels (Teil 2))

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