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Posts Tagged ‘Kind’

Dort

wo du als Kind
spieltest
in den Schallplatten
suchtest nach Ewigem

wo dir das oberste Stockwerk
verboten wurde
denn die Treppenstufen
brächen unter dir

wo die Messer
geschliffen werden
und Walnüsse Jahr für Jahr
getrocknet

Hat die Welt
Mutter bezwungen.

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Erodierende Kälte, mir als

farblose Dornen unbekannter Pflanzen,

verzehren regenbogengleich

hochbrennbare Pfützen

meiner Wahrnehmung

 

Bis auf das geheime

künstlich giftige Zischen

vermenschlichter Höllen:

dass die vorbeirasenden Autos

klingen wie erfrierende Säuglinge

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Das Sonnenblumenfeld, die Bank und das Fahrrad – ich bin ihnen heute morgen begegnet. Der Oktober destilliert jene Sinneseindrücke. Alles andere ist Fiktion, und die Ich-Erzählerin bin nicht ich. Viel Spaß beim Lesen dieser Kurzgeschichte.

Maike Amethyst

 

Ich hatte mir noch kein neues Fahrrad gekauft, deshalb legte ich den Weg zur Arbeit seit einigen Wochen zu Fuß zurück. Es dauerte etwa zwanzig Minuten, vorbei an zwei Supermärkten und einem Sonnenblumenfeld, das vor einem Friedhof gepflanzt war, um vom einen Ende der Kleinstadt zum anderen zu gelangen. Der Bodennebel kroch mir mittlerweile durch die Kleidung, und ich bereute, nicht vorsorglich im Bett geblieben zu sein, denn ich fühlte mich fiebrig. Aber ich war noch nicht lange genug eingestellt, um wegen Lapalien zu Hause zu bleiben, und so verließ ich die Haustür, an der sich Wasser niederschlug. Die Ledertasche lastete auf meinen Schlüsselbeinen, doch ich hielt es aus.

Es war kein schöner Anblick, die welken Sonnenblumen, die im leisesten Wind raschelten wie Füße im Laub. Manchmal, wenn ich wacher war, beugte ich mich aus Spaß hinein, um die Finger an den Stielen entlangrattern zu lassen, als wären sie der hohe Nachbarszaun. Dann spritzten aus dem Feld die Sperlinge und Krähen auf, und ich würde mich lächelnd ducken müssen.

Heute jedoch lehnte an der morschen Bank, die man Gegenüber der Koppel aufgebaut hatte, ein Kinderfahrrad, in Regenbogenfarben, ohne Stützräder und fast zu klein für einen Grundschüler. Tau und verschmierte Erde bedeckten den Sattel. Es schien so ungewöhnlich, obwohl doch genau die Zeit war, dass der Kindergarten oder der Unterricht begann, daher wandte ich mich im Gehen lange um, bis der Schal die Drehung meines Halses blockierte.

Etwas berührte meine Hand, und in der archaischen Angst, es könnte eine Spinne oder ein ähnlich gefährliches Wesen sein, schlug ich heftig in der Höhe meiner Hüfte in die Luft. Beinahe hätte ich den kleine Jungen geohrfeigt, der keuchend vor mir stand und lächelnd meine Finger umklammert hielt. Ich ging in die Knie und legte berührte, wie es wohl eine Mutter oder große Schwester getan hätte, seine Schulter.

„Ist das dein Fahrrad? Du kannst hier doch nicht so einfach rumrennen!“

Er ging jetzt an meiner Seite und riss am Saum meines Parkas.

„Wie heißt du denn? Fährst du ganz alleine in den Kindergarten? Oder gehst du schon zur Schule?“

Als ich merkte, dass meine Fragen unbeantwortet blieben, seufzte ich und beschloss, mit ihm in Richtung der Schule zu gehen. Vielleicht wartete man dort auf ihn.

„In welcher Klasse bist du denn? Verstehst du, was ich sage?“

Ich war auf solche Situationen nicht vorbereitet, hatte nie Geschwister gehabt oder die Nachbarskinder gehütet. Der Junge schmiegte sich auf einmal an mich und murmelte etwas, das ich durch den Stoff nicht verstehen konnte.

„Was meinst du?“, fragte ich, indem ich über seine Haare strich und verzweifelt lächelte.

„Danke, dass du meine Schwester bist.“

Er löste sich von mir, wischte mit dem Ärmel seiner Windjacke über seine Nase und sah mich lachend an.

„Danke, dass meine Schwester mich nie vergisst!“

Dann entglitt seine Hand der meinen und er verschwand, ohne dass ich ihn halten konnte, beinahe geräuschlos zwischen den vertrockneten Sonnenblumen.

„Warte mal! Lauf nicht weg! Was meinst du?“

Ich hörte ihn nicht mehr, und obwohl ich mich verzweifelt um die eigenen Achse drehte und nach ihm rief, die Ledertasche drückte auf meinen Schlüsselbeine. Ich schwankte, als ich das Fahrrad nicht mehr an seinem Platz stehen sah, und glaubte, der Junge hätte sich einen Spaß mit mir erlaubt und sei jetzt weggefahren.

Ich verdrängte die Gedanken, die sich in meinen Kopf bohrten wie dunkle, alkalische Nebel, und ging zur Arbeit.

Als ich am Abend im Fernseher die Lokalnachrichten einschaltete, gelang es mir nicht, die Tränen zurückzuhalten. Ich blickte nach draußen, und das Laub raschelte wie vertrocknete Sonnenblumenhalme.

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