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Posts Tagged ‘Kurzgeschichte’

Achtung! Dieser Text enthält obszöne Ausdrücke und Gewalt. Bitte lest ihn nur, wenn ihr euch das zutraut. Danke.

Rotkäppchen

Der Winterhimmel öffnete sich über der grauen Vorstadt, in der nur beschmierter Beton wuchs, und der Schnee wurde in den Schienen der Tram zu kalten grauen Schmutzpfützen zermatscht. In die Scheiben der Straßenbahn von innen gekratzt und auf die Rücken der Sitze gekritzelt standen Obszönitäten, die auch an die blondierte, überschminkte Jugendliche adressiert waren, die jetzt einstieg und die kleinen Tasten ihres Handys eindrückte. Zwischen die hochhackigen Schuhe stellte sie die überfüllten Alditaschen ab und verdrehte die Augen. Der nur halb geschlossene, rote Wintermantel gab freie Sicht auf viel zu dünne Kleidung.

Ein Vibrieren und Blinken in der Hand. Das Handy am Ohr. Die Zigarette im Mund und ein Gespräch.

„Cassandra?“

„Cassy, du Arsch. Weisste doch.“

„Cassy. Was machst denn grade? Wart auf dich.“

„Muss Sklave spielen, hab ich dir doch erzählt. Wird heut nix mehr. Die Olle beutet mich voll aus. Scheiße, geht die mir auf den Sack – irgendwann bring ich sie um. Geld hat se ja wie Heu, die Schlampe. Scheißarbeit.“

„Was lässt du dich auch erwischen beim Klauen, du Pissnelke.“

„Nenn mich nich Pissnelke, du Sack. Außerdem, war nich nur Klauen, war auch Prügeln.“

„Sach ich doch: Was lässt du dich erwischen. Sozialstunden, voll der Scheiß.“

„Ey, Scheiße, Wanja, halts Maul, wenn du keinen Bock hast mir zu helfen, scheiße, der Dreck kotzt mich auch an, also Fresse.“

„Is ja gut. Ich wart auf dich. Dann sehn wir weiter.“

Cassandra stand auf, hievte die Einkäufe hoch, fluchte noch einmal herzlich und stieg aus der Bahn, während sie die Leute belächelte, die dem Schaffner brav die Fahrkarten entgegenstreckten. Die Kippe drückte sie noch in der Straßenbahn aus, dann stöckelte sie zum Sozialdienst. Ein schmieriger, junger Mann mit Sonnenbrille, der Himmel war ghettograu bedeckt, zog nervös an einer Selbstgedrehten und machte eine Grimasse, die er mit ungeduldigem Stapfen auf ein und derselben Stelle unterstrich. Er riss Cassy an sich. Sie wurde ein bisschen rot, aber das bemerkte Wanja nicht unter der vielen Schminke.

„Na, Rotkäppchen? Freuste dich aufs Hinternabwischen?“

„Fresse, Wichser!“

„Ehrlich, ich kann dir helfen, lass mich mal machen. Du musst die Scheiße nicht mehr machen. Vertrau mir, der gute alte Wanja Wulff tut alles für seine Cassy.“

„Fräulein Keppler, Sie wissen, dass sie hier um zehn Uhr zu erscheinen haben. Ihre Zukunft hängt davon ab, das wissen Sie.“

Cassandra packte welken Paprika und Pflaumenmus und Sülze in Glasschüsseln und all die anderen Dinge aus den ausgeleierten Plastiktüten, auf die gelbliche Küchenablage und in die knarrende Schränke. Die Zweizimmerwohnung roch säuerlich, nach alten Leuten und den Mahlzeiten, die in dem gesamten Plattenbau tagtäglich zubereitet wurden. Die alte Frau war reich, auch wenn man das nicht an der Einrichtung in Eiche, Linoleum und DDR-Tapeten sehen konnte. Das verstimmte Klavier, das verstaubte, ein Relikt aus besseren Zeiten, aus einem größeren Haus, einem, das dazu bestimmt war, von Kindern und Enkeln besucht zu werden.

Nach jähzornigem Schweigen und wütendem Lärmen in Schubladen und Schränken die Antwort mit extra Lächeln in der Stimme.

„Ja, Frau von Rosenberg, ich weiß, ich habe nur noch eingekauft, damit sie was Frisches haben.“

Und geraucht. Und getrödelt. Und gemeckert. Und tausendmal Mordpläne geschmiedet.

„Sie sind jetzt seit ein paar Wochen für mich da, Fräulein Keppler, und Sie wissen, dass ich so etwas für eine Selbstverständlichkeit halte. Pünktlichkeit sollte auch Ihnen wichtig sein.“

„Ja.“

„Jetzt machen Sie bitte einen Kaffee. Und holen Sie die Zeitung von unten. Das hätten Sie auf dem Weg nach oben bereits erledigen können. Sie haben den Schlüssel für den Briefkasten.“

„Ja.“

Cassandra schob einen verstaubten Straßenschuh der alten Dame in den Haustürschlitz, denn einen Schlüssel zur Wohnung gab man ihr nicht. Nicht ihr. Sie ließ die Herrin in ihrem schwarzen Trauerkostümchen im Sessel am Esstisch sitzen und senkte die Augen zum bösen Blick, als sie die nach Urin stinkende Treppe hinabstapfte. Aufzug defekt. Fünfter Stock.

Schepperndes Postfach, verrostet mit „Keine Werbung“-Einheitsaufkleber, vollgestopft mit Prospekten, dann die zerrupfte Tageszeitung und Rechnungen. Das Klappern der Absätze war nun noch schneller und wütender, Ungeduld in jedem Atemzug und Schnauben zu hören. Der Geruch auf dem Weg nach oben in die Hölle veränderte sich von Etage zu Etage, und in Cassandras Nase vermischte sich Kohl mit fremdartigen Gewürzen und dem süßlichen Gestank von Gras.

Gräulich-gelbe Papierstapel wurden auf den Esszimmertisch geknallt, als das schrille, nervenzerfetzende Gekeife der Türklingel in der Wohnung schallte.

„Fragen Sie, wer es ist.“

Cassandra ging und fragte, wer es war. Sie erkannte die Stimme und grinste.

„Es ist der Hausmeister.“

„So? Hat er sich ausgesperrt? Machen Sie ihm auf.“

„Ja.“

Das Grienen wurde breiter und bösartiger. Die Stimme am anderen Ende der Gegensprechanlage hatte ihr Spaß versprochen. Und Hilfe.

Panisch klammerte Cassandra sich, in die Ecke der Küche zusammengekauert, an der vergilbten Arbeitsplatte der Schränke fest und kaute,die Augen so weit aufgerissen, dass man mehr weiß sah als bunt, an den Fingerkuppen, bis Blut kam.

„Komm nicht näher, Wanja! Du bist verrückt! Das hab ich so nicht gemeint, nich so! Nich so, nich so…“

Die Stimme flötete, und Cassandra sah noch den wahnsinnigen Ausdruck auf Wanjas Gesicht, als er der Dame den kalten Stahl an die Stirn gesetzt hatte. Na, Oma, ich hab gehört, du machst meinem Rotkäppchen das Leben schwer, hatte er gesagt. Jetzt sprach er wieder, und die Stimme klang voll Blut.

„Du wirst nicht die Bullen rufen. Ich hab getan, was du wolltest. Du wolltest se tot sehen, du bist eine Mörderin.“

„Nein, Wanja, du bist doch verrückt, das, nein, Wanja, nicht!“

„Was schreiste denn so, du störst die Nachbarn. Ich bring dir deinen Absatz wieder, ist dir abgebrochen. Gehört sich nich fürn Prinzesschen wie dich.“

Blut verklebte seine schmierige Fassade, und Cassandra begann zu schreien, wollte nicht mehr aufhören. Die linke Hand mit dem roten Absatz, baumelte locker, als sich die rechte erhob. Dunkles Stahl. Ein Blitzen. Lärm. Stille. Dann:

„Ich hab alles für dich getan, Cassy. Für dich.“

Die Polizei trat die baufällige Tür ein, und fand die alte Dame, auf dem Boden, der Raum voller Blut und verstreuter Geldscheine. Manche waren noch Markscheine. In der Küche eine junge Frau mit Loch im Schädel, mit Blut stand am Küchenschrank: Für dich. Am Küchentisch schließlich lehnte ein junger Mann, auf den jetzt alle Waffen gerichtet waren. Wanja küsste den roten Stöckelschuhabsatz und legte sich dann das Metall an die Schläfe.

„Damit ich dich besser fressen kann“, sagte er.

Dieser Text stammt von 2009 und ist eine Antwort auf eine Aufgabe im Kreativen Schreiben. Die Aufgabe findet ihr auch hier

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Meine Antwort zur Aufgabe, eine Kurzgeschichte in maximal 140 Zeichen zu verfassen.

I

„Es wird Zeit“ „Keine Minute mehr?“ „Nein, alles nach Zeitplan.“ „Aha. Wird es wehtun?“ „Ganz kurz.“ Sie gehen hinaus zum Erschießungsplatz.

II

Der Kopf schmerzte bis in die Haarspitzen. Ikeabettwäsche bedeckte gerade noch die Hüftknochen. Die fremde Zimmerdecke allerdings war schön.

III

Sie vergaß ihn nie. Als er im Schnee starb, erschlagen von Betrunkenen, er sah sie schief an, war sie bloß nicht da. Denn sie wollte tanzen.

zur Aufgabe

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Das Sonnenblumenfeld, die Bank und das Fahrrad – ich bin ihnen heute morgen begegnet. Der Oktober destilliert jene Sinneseindrücke. Alles andere ist Fiktion, und die Ich-Erzählerin bin nicht ich. Viel Spaß beim Lesen dieser Kurzgeschichte.

Maike Amethyst

 

Ich hatte mir noch kein neues Fahrrad gekauft, deshalb legte ich den Weg zur Arbeit seit einigen Wochen zu Fuß zurück. Es dauerte etwa zwanzig Minuten, vorbei an zwei Supermärkten und einem Sonnenblumenfeld, das vor einem Friedhof gepflanzt war, um vom einen Ende der Kleinstadt zum anderen zu gelangen. Der Bodennebel kroch mir mittlerweile durch die Kleidung, und ich bereute, nicht vorsorglich im Bett geblieben zu sein, denn ich fühlte mich fiebrig. Aber ich war noch nicht lange genug eingestellt, um wegen Lapalien zu Hause zu bleiben, und so verließ ich die Haustür, an der sich Wasser niederschlug. Die Ledertasche lastete auf meinen Schlüsselbeinen, doch ich hielt es aus.

Es war kein schöner Anblick, die welken Sonnenblumen, die im leisesten Wind raschelten wie Füße im Laub. Manchmal, wenn ich wacher war, beugte ich mich aus Spaß hinein, um die Finger an den Stielen entlangrattern zu lassen, als wären sie der hohe Nachbarszaun. Dann spritzten aus dem Feld die Sperlinge und Krähen auf, und ich würde mich lächelnd ducken müssen.

Heute jedoch lehnte an der morschen Bank, die man Gegenüber der Koppel aufgebaut hatte, ein Kinderfahrrad, in Regenbogenfarben, ohne Stützräder und fast zu klein für einen Grundschüler. Tau und verschmierte Erde bedeckten den Sattel. Es schien so ungewöhnlich, obwohl doch genau die Zeit war, dass der Kindergarten oder der Unterricht begann, daher wandte ich mich im Gehen lange um, bis der Schal die Drehung meines Halses blockierte.

Etwas berührte meine Hand, und in der archaischen Angst, es könnte eine Spinne oder ein ähnlich gefährliches Wesen sein, schlug ich heftig in der Höhe meiner Hüfte in die Luft. Beinahe hätte ich den kleine Jungen geohrfeigt, der keuchend vor mir stand und lächelnd meine Finger umklammert hielt. Ich ging in die Knie und legte berührte, wie es wohl eine Mutter oder große Schwester getan hätte, seine Schulter.

„Ist das dein Fahrrad? Du kannst hier doch nicht so einfach rumrennen!“

Er ging jetzt an meiner Seite und riss am Saum meines Parkas.

„Wie heißt du denn? Fährst du ganz alleine in den Kindergarten? Oder gehst du schon zur Schule?“

Als ich merkte, dass meine Fragen unbeantwortet blieben, seufzte ich und beschloss, mit ihm in Richtung der Schule zu gehen. Vielleicht wartete man dort auf ihn.

„In welcher Klasse bist du denn? Verstehst du, was ich sage?“

Ich war auf solche Situationen nicht vorbereitet, hatte nie Geschwister gehabt oder die Nachbarskinder gehütet. Der Junge schmiegte sich auf einmal an mich und murmelte etwas, das ich durch den Stoff nicht verstehen konnte.

„Was meinst du?“, fragte ich, indem ich über seine Haare strich und verzweifelt lächelte.

„Danke, dass du meine Schwester bist.“

Er löste sich von mir, wischte mit dem Ärmel seiner Windjacke über seine Nase und sah mich lachend an.

„Danke, dass meine Schwester mich nie vergisst!“

Dann entglitt seine Hand der meinen und er verschwand, ohne dass ich ihn halten konnte, beinahe geräuschlos zwischen den vertrockneten Sonnenblumen.

„Warte mal! Lauf nicht weg! Was meinst du?“

Ich hörte ihn nicht mehr, und obwohl ich mich verzweifelt um die eigenen Achse drehte und nach ihm rief, die Ledertasche drückte auf meinen Schlüsselbeine. Ich schwankte, als ich das Fahrrad nicht mehr an seinem Platz stehen sah, und glaubte, der Junge hätte sich einen Spaß mit mir erlaubt und sei jetzt weggefahren.

Ich verdrängte die Gedanken, die sich in meinen Kopf bohrten wie dunkle, alkalische Nebel, und ging zur Arbeit.

Als ich am Abend im Fernseher die Lokalnachrichten einschaltete, gelang es mir nicht, die Tränen zurückzuhalten. Ich blickte nach draußen, und das Laub raschelte wie vertrocknete Sonnenblumenhalme.

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