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Posts Tagged ‘prosa’

Hallo meine Herzen, dank meines Seminars für Literarisches Schreiben kann ich wenigstens einmal die Woche hier was veröffentlichen, ein schönes Gefühl 😀
Diese Woche war die Aufgabe, zuerst eine Rollenbiographie für eine Figur zu entwickeln, also folgende Fragen zu beantworten:

  1. Wie war der schönste Geburtstag?
  2. Was hat noch niemand zu ihr gesagt?
  3. Was war das Lieblingsspielzeug?
  4. Wohin will sie in Urlaub fahren?
  5. Was war das Schlimmste, was diese Person gemacht hat?
  6. Was mag diese Person am Liebsten an sich?

Anschließend sollten wir uns im Pool der so entstandenen Figuren mindestens zwei aussuchen und eine Szene um sie konstruieren. Das heißt also, die im unteren Text verwendeten Figur sind nicht von mir entwickelt, sondern nur interpretiert worden.

Bond Girl

Enriqua sah nicht einmal von ihrer Zeitschrift auf, als jemand auf dem Sitz neben ihr platznahm. Sie blätterte um, denn der wissenschaftliche Artikel über die neuronalen Vorgänge beim Lügen interessierte sie nicht wirklich. Nichts, was man anwenden konnte. Als es neben ihr raschelte, machte sie eine mentale Notiz, das nächste Mal ein Ticket für die erste Klasse zu buchen. Das hier war eher nach ihrem Geschmack, ein Aufsatz eines bekannten Forensikers über Ballistik.

„Was ist eine Beretta?“ fragt eine hohe Stimme. Enriqua wandte den Kopf endlich zur Seite und fand neben sich einen Jungen, der den Hals verrenkte, um die Bildunterschrift auf der umgeschlagenen Seite zu lesen.

„Ist das ein Hut? Meine Mama hat mir ein Barett aus dem Urlaub mitgebracht.“

Sie schnaubte nur.

„Es ist unhöflich, was du da machst.“

Augenblicklich saß das Kind still. Sie wusste nicht warum, aber ihre autoritäre Stimme wirkte auf Kinder immer recht eindrucksvoll. Der Junge war vielleicht elf oder zwölf, und sein breites Gesicht war markant. Einzeln betrachtet waren seine Gesichtszüge ganz hübsch, aber zusammengenommen sahen sie falsch kombiniert aus, wie ein spontan zusammengepuzzeltes Phantombild. Und seine Haare standen einfach in zu viele Richtungen ab. Er aß ein Gummibärchen, bevor er wieder sprach. (mehr …)

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Gut, angenommen, es gebe nur zwei Geschlechter… aber das, Luise, wäre ein zu weites Feld. Die Aufgabe bestand darin, einen Text aus der, in meinem Falle, männlichen Sicht zu schreiben, mit einem Ich-Erzähler. Entschuldigt meinen tiefen Griff in die Klischee-Kiste…

Thematisch bewegen wir uns übrigens in der gleichen Welt wie Tigerfüße, aber die Reihenfolge, wie ihr das lest, ist egal. Sooooo, enjoy!

 

Piccadilly Circus

„Scheißvieh, verpiss dich!“

Wenn mich diese Schlampe schon verlassen muss, kann sie genausogut ihren dummen fetten roten Kater mitnehmen. Oder ihr Ikeazeug. Ich werfe mit einem ihrer ach so tollen Kissen, die mir nur den Platz im Bett stehlen, nach dem fauchenden Biest. Ich verfehle nur, weil ich nett bin. Mit dem Namen „Piccadilly“ und der Besitzerin ist der Kerl schon genug gestraft. (mehr …)

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Schande über mein Haupt, mit der Fortsetzung so lange gewartet zu haben. Ich bitte aufrichtig um Verzeihung.

——————

(Fortsetzung von Die Geschichte der zwei Könige des Himmels (Teil 2))

Des Nachts unterschätzte ich die Dimensionen der Stadt, meine holprigen Schritte, durch Straßen, die wie von giftigen Chemikalien beschlagene Kolben heimlich rauschten, knackten, und mich in feuchte Leere tasten ließen. (mehr …)

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Achtung! Dieser Text enthält obszöne Ausdrücke und Gewalt. Bitte lest ihn nur, wenn ihr euch das zutraut. Danke.

Rotkäppchen

Der Winterhimmel öffnete sich über der grauen Vorstadt, in der nur beschmierter Beton wuchs, und der Schnee wurde in den Schienen der Tram zu kalten grauen Schmutzpfützen zermatscht. In die Scheiben der Straßenbahn von innen gekratzt und auf die Rücken der Sitze gekritzelt standen Obszönitäten, die auch an die blondierte, überschminkte Jugendliche adressiert waren, die jetzt einstieg und die kleinen Tasten ihres Handys eindrückte. Zwischen die hochhackigen Schuhe stellte sie die überfüllten Alditaschen ab und verdrehte die Augen. Der nur halb geschlossene, rote Wintermantel gab freie Sicht auf viel zu dünne Kleidung.

Ein Vibrieren und Blinken in der Hand. Das Handy am Ohr. Die Zigarette im Mund und ein Gespräch.

„Cassandra?“

„Cassy, du Arsch. Weisste doch.“

„Cassy. Was machst denn grade? Wart auf dich.“

„Muss Sklave spielen, hab ich dir doch erzählt. Wird heut nix mehr. Die Olle beutet mich voll aus. Scheiße, geht die mir auf den Sack – irgendwann bring ich sie um. Geld hat se ja wie Heu, die Schlampe. Scheißarbeit.“

„Was lässt du dich auch erwischen beim Klauen, du Pissnelke.“

„Nenn mich nich Pissnelke, du Sack. Außerdem, war nich nur Klauen, war auch Prügeln.“

„Sach ich doch: Was lässt du dich erwischen. Sozialstunden, voll der Scheiß.“

„Ey, Scheiße, Wanja, halts Maul, wenn du keinen Bock hast mir zu helfen, scheiße, der Dreck kotzt mich auch an, also Fresse.“

„Is ja gut. Ich wart auf dich. Dann sehn wir weiter.“

Cassandra stand auf, hievte die Einkäufe hoch, fluchte noch einmal herzlich und stieg aus der Bahn, während sie die Leute belächelte, die dem Schaffner brav die Fahrkarten entgegenstreckten. Die Kippe drückte sie noch in der Straßenbahn aus, dann stöckelte sie zum Sozialdienst. Ein schmieriger, junger Mann mit Sonnenbrille, der Himmel war ghettograu bedeckt, zog nervös an einer Selbstgedrehten und machte eine Grimasse, die er mit ungeduldigem Stapfen auf ein und derselben Stelle unterstrich. Er riss Cassy an sich. Sie wurde ein bisschen rot, aber das bemerkte Wanja nicht unter der vielen Schminke.

„Na, Rotkäppchen? Freuste dich aufs Hinternabwischen?“

„Fresse, Wichser!“

„Ehrlich, ich kann dir helfen, lass mich mal machen. Du musst die Scheiße nicht mehr machen. Vertrau mir, der gute alte Wanja Wulff tut alles für seine Cassy.“

„Fräulein Keppler, Sie wissen, dass sie hier um zehn Uhr zu erscheinen haben. Ihre Zukunft hängt davon ab, das wissen Sie.“

Cassandra packte welken Paprika und Pflaumenmus und Sülze in Glasschüsseln und all die anderen Dinge aus den ausgeleierten Plastiktüten, auf die gelbliche Küchenablage und in die knarrende Schränke. Die Zweizimmerwohnung roch säuerlich, nach alten Leuten und den Mahlzeiten, die in dem gesamten Plattenbau tagtäglich zubereitet wurden. Die alte Frau war reich, auch wenn man das nicht an der Einrichtung in Eiche, Linoleum und DDR-Tapeten sehen konnte. Das verstimmte Klavier, das verstaubte, ein Relikt aus besseren Zeiten, aus einem größeren Haus, einem, das dazu bestimmt war, von Kindern und Enkeln besucht zu werden.

Nach jähzornigem Schweigen und wütendem Lärmen in Schubladen und Schränken die Antwort mit extra Lächeln in der Stimme.

„Ja, Frau von Rosenberg, ich weiß, ich habe nur noch eingekauft, damit sie was Frisches haben.“

Und geraucht. Und getrödelt. Und gemeckert. Und tausendmal Mordpläne geschmiedet.

„Sie sind jetzt seit ein paar Wochen für mich da, Fräulein Keppler, und Sie wissen, dass ich so etwas für eine Selbstverständlichkeit halte. Pünktlichkeit sollte auch Ihnen wichtig sein.“

„Ja.“

„Jetzt machen Sie bitte einen Kaffee. Und holen Sie die Zeitung von unten. Das hätten Sie auf dem Weg nach oben bereits erledigen können. Sie haben den Schlüssel für den Briefkasten.“

„Ja.“

Cassandra schob einen verstaubten Straßenschuh der alten Dame in den Haustürschlitz, denn einen Schlüssel zur Wohnung gab man ihr nicht. Nicht ihr. Sie ließ die Herrin in ihrem schwarzen Trauerkostümchen im Sessel am Esstisch sitzen und senkte die Augen zum bösen Blick, als sie die nach Urin stinkende Treppe hinabstapfte. Aufzug defekt. Fünfter Stock.

Schepperndes Postfach, verrostet mit „Keine Werbung“-Einheitsaufkleber, vollgestopft mit Prospekten, dann die zerrupfte Tageszeitung und Rechnungen. Das Klappern der Absätze war nun noch schneller und wütender, Ungeduld in jedem Atemzug und Schnauben zu hören. Der Geruch auf dem Weg nach oben in die Hölle veränderte sich von Etage zu Etage, und in Cassandras Nase vermischte sich Kohl mit fremdartigen Gewürzen und dem süßlichen Gestank von Gras.

Gräulich-gelbe Papierstapel wurden auf den Esszimmertisch geknallt, als das schrille, nervenzerfetzende Gekeife der Türklingel in der Wohnung schallte.

„Fragen Sie, wer es ist.“

Cassandra ging und fragte, wer es war. Sie erkannte die Stimme und grinste.

„Es ist der Hausmeister.“

„So? Hat er sich ausgesperrt? Machen Sie ihm auf.“

„Ja.“

Das Grienen wurde breiter und bösartiger. Die Stimme am anderen Ende der Gegensprechanlage hatte ihr Spaß versprochen. Und Hilfe.

Panisch klammerte Cassandra sich, in die Ecke der Küche zusammengekauert, an der vergilbten Arbeitsplatte der Schränke fest und kaute,die Augen so weit aufgerissen, dass man mehr weiß sah als bunt, an den Fingerkuppen, bis Blut kam.

„Komm nicht näher, Wanja! Du bist verrückt! Das hab ich so nicht gemeint, nich so! Nich so, nich so…“

Die Stimme flötete, und Cassandra sah noch den wahnsinnigen Ausdruck auf Wanjas Gesicht, als er der Dame den kalten Stahl an die Stirn gesetzt hatte. Na, Oma, ich hab gehört, du machst meinem Rotkäppchen das Leben schwer, hatte er gesagt. Jetzt sprach er wieder, und die Stimme klang voll Blut.

„Du wirst nicht die Bullen rufen. Ich hab getan, was du wolltest. Du wolltest se tot sehen, du bist eine Mörderin.“

„Nein, Wanja, du bist doch verrückt, das, nein, Wanja, nicht!“

„Was schreiste denn so, du störst die Nachbarn. Ich bring dir deinen Absatz wieder, ist dir abgebrochen. Gehört sich nich fürn Prinzesschen wie dich.“

Blut verklebte seine schmierige Fassade, und Cassandra begann zu schreien, wollte nicht mehr aufhören. Die linke Hand mit dem roten Absatz, baumelte locker, als sich die rechte erhob. Dunkles Stahl. Ein Blitzen. Lärm. Stille. Dann:

„Ich hab alles für dich getan, Cassy. Für dich.“

Die Polizei trat die baufällige Tür ein, und fand die alte Dame, auf dem Boden, der Raum voller Blut und verstreuter Geldscheine. Manche waren noch Markscheine. In der Küche eine junge Frau mit Loch im Schädel, mit Blut stand am Küchenschrank: Für dich. Am Küchentisch schließlich lehnte ein junger Mann, auf den jetzt alle Waffen gerichtet waren. Wanja küsste den roten Stöckelschuhabsatz und legte sich dann das Metall an die Schläfe.

„Damit ich dich besser fressen kann“, sagte er.

Dieser Text stammt von 2009 und ist eine Antwort auf eine Aufgabe im Kreativen Schreiben. Die Aufgabe findet ihr auch hier

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Meine Antwort zur Aufgabe, eine Kurzgeschichte in maximal 140 Zeichen zu verfassen.

I

„Es wird Zeit“ „Keine Minute mehr?“ „Nein, alles nach Zeitplan.“ „Aha. Wird es wehtun?“ „Ganz kurz.“ Sie gehen hinaus zum Erschießungsplatz.

II

Der Kopf schmerzte bis in die Haarspitzen. Ikeabettwäsche bedeckte gerade noch die Hüftknochen. Die fremde Zimmerdecke allerdings war schön.

III

Sie vergaß ihn nie. Als er im Schnee starb, erschlagen von Betrunkenen, er sah sie schief an, war sie bloß nicht da. Denn sie wollte tanzen.

zur Aufgabe

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Alles verengt sich zu einem weißen Flirren. Der Bildschirm pendelt zwischen den Zustand, nur aus dem zitternden schwarzen Pfeil und nur aus dem pulsierenden Balken zu bestehen. Ich fühle mich an die nächtlichen Zugfahrten erinnert, da ich müde meinen Kopf an die Scheibe lehne, und in die verschmierte Spiegelung blicke. Mein Gesicht besteht abwechselnd nur aus Augen, nur aus Nasenloch, nur aus schiefem Zahn. Ich merke nicht, wie die Temperatur aus meinen Händen weicht, da ich die Finger weit von mir gestreckt, verkrampft, auf den Tasten liegen habe, die in ihrer Textur kleinen, kantigen Grabsteinen immer ähnlicher werden.
Ich biege den Hals, bis mein Genick ein wohltuender Schmerz und lösendes Knacken durchzuckt. Ich sehe noch immer nichts, alles scheint der Widerhall stürzender Bäume zu sein. Zu meiner Rechten steht eine Tasse Früchtetee bereit, und während ich beobachte, wie sich die rote Farbe an der Schnur hinaufsaugt, schließlich am Rand verebbt und schwarz verklumpt, so wie Blut durch Verbände sickert, reiße ich mir ein Haar aus dem Scheitel und drehe es zwischen Daumen und Zeigefinger, bis sich das Gefühl verliert. Wie ein wütender Pianist schmettere ich meine Finger auf das elfenbeinfarbene Plastik. Wieder, wieder, wieder, ich spiele Chopin wie ein Holzfäller.

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Nichts. Keine Regung.
Kein Schmunzeln über den unsinnigen Ausbruch, keine Trauer über den Paroxysmus der Leere. Mein Gesicht muss eine weiße Maske sein, doch ich möchte es nicht berühren. Ich zerre an einem Haar in meinem Nacken, das sich schwer löst und mir Schmerzen bereitet. Ich starre es an, als könnte ich es in das Fleisch zurückwälzen, eine Sekunde lang, bevor ich mich dem Tee zuwende. Die Finger sind kalt, als hätte ich im winterlichen Erdreich gewühlt, und ich umklammere schließlich das Steingut, befühle vorsichtig die zarten, venengleichen Risse im Lack.
Mein Blickfeld ist nicht mehr das Epizentrum des Morgens, meine Haut nimmt schon bald wahr, dass der Inhalt der Tasse einen trüben, dunklen Bodensatz gebildet hat, während des Abkühlens. Als ich die Augen schließe und den kalten Henkel, der sich anfühlt wie blankes, steriles Metall, an die schweren Lider presse, destilliert sich ein Wort. Mein Ringfinger senkt sich, wird den Silben entgegengepresst, als verriete ich ihn an seinen Feind, und ich beginne zu schreiben.

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(Fortsetzung von Die Geschichte der zwei Könige des Himmels (Teil 1))

Ich bedankte mich und zahlte behutsam mit stumpfen Münzen für die heutige Nacht, woraufhin mich die Magd über die hinter einer Tür verborgenen Treppenstufen, die unter unseren Schritten ächzte, zu dem kargen Zimmer führte, das ich nun für einen kurzen Schlaf und etwas Ruhe mein eigen nennen durfte. So blickte ich die Magd kurz verschämt, dankend an, doch sie, mit schweigender Miene und grauem Gesicht, als hätte sie bereits zu viel gesehen in diesem Leben, und dennoch warmen, mütterlichen Augen, wie ich sie selbst nur selten auf meinem kindlichen Schopfe hatte ruhen sehen, wandte sich um und ließ mich zurück.

Ach, jene Gasthäuser sind in jedem Ort gleich, wollte ich seufzen, und doch erschien mir jedes als von der Welt abgetrennte, einzigartige Sphäre, ein Kolben, in dem die Menschheit sich selbst destillierte. Nachdem ich meine wenigen großen Habseligkeiten in der Zelle eingeschlossen hatte – nur ein wenig Kleidung, die ihre Farbe und sorgfältigen Schneidernähte bereits verloren hatten, und all die für eine Reise durch wilde Orte nützlichen Gegenstände – denn was mir unverzichtbar war, neben Geld mein Büchlein mit unzähligen leeren, insektenflügeldünnen Seiten, Tinte, welche meine Finger fleckig und rau machte, kratzende Schreibfedern von Fasan und Gans, einige Briefe meiner engsten Freunde, deren Gesichter sich mir beim Lesen ihrer geschwungenen Schrift immer häufiger leicht verschwommen und langsam in meinen Kopf einfanden, und manche andere nutzlose Dinge, deren Verlust mich fürchterlich bekümmern würde, trug ich nah an meinem Körper, wo ich sie immer in Gedanken zart mit den Fingern ertasten konnte, wenn mich die trübe Einsamkeit oder der Zweifel niederzuringen drohten. Ich begab mich sogleich wieder in den Gastraum, wo ich das beste Eintopfgericht zu mir nahm, das ich seit dem Hinscheiden unserer göttlichen Köchin – eine gesichtslose gute Frau, die mich nicht verriet, wenn ich als Knabe den Unterricht versteckt in ihrer Küche verbrachte – je serviert bekam, mit allerlei Kräutern, Grütze und glasigem, billigen Speck, dass die Substanz schwer vom Löffel tropfte. Jeden Schluck wie im inbrünstigen Gebet mit einer heilbringenden polierten Marmorstadion der abstrakten Gottheit in einer Stunde der Not erlebend, spürte ich, wenn es sie denn gäbe, einen Funken der Vollkommenheit.

So beschloss ich, den sich in Amethystschattierungen wandelnden Himmel, auf dem jetzt Wolken in den Farben ferner Zitrusfrüchte brannten, betrachtend, diesen Ort nicht verlassen zu müssen, um vielleicht neue, oder veränderte Geschichten, aufzuspüren, denn ich wähnte mich an einem vielversprechendem Ort. In meiner Westentasche berührte ich das Lederbuch, und erkundigte mich nun, meine Stimme von der Kraft meines Glaubens an die Heiligkeit der schwarzbraunen Buchstaben fest und mit, wie ich schon in so manchem vom Branntwein beeinflussten Gespräch nicht ohne geröteten Kopf erfahren hatte, einem dringlichen und unwiderstehlichen Klang, wie der Befehl eines knabenhaften Engels – auch wenn mich dieser Vergleich, hervorgebracht von einem verwachsenen Priester, der den Mädchen nachstellte, zum Lächeln brachte – beim Wirt, ob er nicht eine Geschichte, so wie ich sie suchte, zu erzählen hätte.

Unbestimmbar enttäuscht, und darüber erzürnt, zog ich mich eilends zur Reinschrift des neuen Tintenstakkatos auf das Zimmer zurück, in dem ich die Kommode als Schreibpult zum Bett zog.

Der Wirt, freudig, die alten Geschichten, die er jedem Stammgast im Zustand nüchterner Gier bis friedliches Delirium schon ein Dutzend mal erzählt hatte, ein neues Gesicht behelligen zu können, schilderte mir, und ich musste einräumen, nicht ohne erzählerisches Talent, die nächtliche Begegnung mit hilfsbereiten Kohlenmännchen. Oh, ich schrieb gewissenhaft alles nieder, doch befriedigte es mich nicht, sondern ließ mich mürrisch zurück, als hätte ich bittere Kräuter zwischen meinen Zähnen – und so klopfte ich beim Notieren ungeduldig mit der mürben Spitze meines Schuhs gegen das Tischbein, als die alte Magd Aase, deren stolzes Lächeln nicht über das Grau der Stirn und die der körperlichen wie seelischen Entkräftung entpringenden tränenroten Augen hinwegzutäuschen vermochte, mit dünner Stimme sprach, zuweilen einem Flüstern, das klang wie Laub in den nördlichen Bergen. Mir kamen sie dennoch bekannt vor, die Worte über den Sohn, der König war in einem fernen Land, Kaiser gar, und der garstige, wolfskluge Trolle, den Teufel und den Tod in der Schlacht seines starken Geistes bezwungen hatte, um jetzt selber in göttliche Höhen aufzusteigen, und berührten mich gleichermaßen . Ich musste mir schon früh eingestehen, Menschen, ihre Empfindungen und Beweggründe, weitaus weniger gut zu verstehen, als es mich verlangte, doch auch ich fühlte das von den unbeständigen Wellen des Verstandes geschliffene Sandkorn der Wahrheit in den mir entgegenbrandenden Worten, und lächelte.

Mich schreckten der sternenlose Nachthimmel, der aussah wie ein geschwärztes Echo geronnener Milch, der die Tinte mit den fließenden Schatten vereinte, dass ich mit der weichen Außenseite meiner Hand den schmierigen Dunst von der gesprungenen Fensterscheibe wischte, und der zunehmend geschäftige Lärm, der durch die Bodendielen emporsickerte, aus meiner düsteren Reinschrift. Ich erhob mich eilend, den Staub aus meiner Kleidung klopfend, und die trübsinnige, bittere Stimmung fiel zügig von mir ab; so stolperte ich dem Gestank nach altem, feuchten Pfeifentabak, der durch die Holzporen leckte, entgegen, hinab die schmale, steile Treppe. Die Luft war trüb und verbraucht, ein beißendes Aroma aus Schweiß und Exkrementen flimmerte wie Licht im dicken Nebel, doch zog ich es der Straße vor. Ich sprach genügend Gäste, die wie in jedem Ort kaum ein Gesicht zu haben schienen vor Armut und Beschwerden, jedoch hatte ich kein Glück, und ließ mich, da ich mir vornahm, noch zwei oder drei der Elendsschemen zu befragen, bevor ich mich zu Bett begab, mit einem Krug sauren Bieres an einem Tisch nieder – der die Zustände, die der Wirt mir geschildert, spiegelte – an dem gut ein halbes Dutzend aus philosophischen genauso wie obszönen literarische Werken rezitierender Studenten sich munter betranken. Ich vermutete, den goldenen Moment abgepasst zu haben, da sie jeden jungen Mann, der in seinem Erscheinen mit dem ihren korrespondierte, und nicht mit den Händen, sondern mit dem Kopf arbeitete, und der ein gutes Glas zu schätzen wissen müsste, als neuen Gefährten und, wie ich behaupten mochte in einer Stunde wohl als Busenfreund unter sich duldeten.

Ich gebe zu, angenehm nichtssagende Gespräche mit den Studenten, die in diesem Hause fürchterlich fremd wirkten, geführt zu haben, doch lachten sie mich aus und schlugen mir versöhnlich auf die Schulter, da ich auf das zu sprechen kam, was ich auf meiner Reise tat.

„Das ist Zeitverschwendung!“

„Betrunkener oder bestenfalls irrer Mumpitz, an dem du dein Tintenfass leerst!“

„Du glaubst doch nicht die Ammenmärchen, Kamerad?“

„Ach was, bloß die grüne Fee hat er gesehen!“

Ihre Stimmen drehten sich um mich wie einschneidender Sandsturm, und ich fühlte mich von der Holzbank herabschmelzen, als ich mich stotternd verteidigte, denn sie waren eine Mauer aus Verstand und Dünkel, die alles ablehnten, was sie nicht sezieren und in farbige Essenzen destillieren konnten. So stand ich auf, mich nach einem vielversprechenderen Gesicht auf die Suche zu begeben, als mich der der fleischrote Gelehrte neben mir, dessen Hemdknöpfe ich ein- oder zweimal verstohlen, ach, fast schelmisch, das Bersten über dem Wanst vorhergesehen hatte, am Rocksaum auf meinen Platz zwang, wobei er mir mit dieser Geste beinahe den Steiß brach und der nun schon obligatorischen Schelte auf dem Schulterblatt mein Gebein zum Splittern bringen mochte. Ich meinte durch mein Keuchen den Schatten einer Entschuldigung auszumachen.

„Verstehst wohl keinen Spaß, Kamerad? Wir ziehen dich nur auf, renn doch nicht gleich zu deiner Kinderfrau!“

Die Gesellschaft war mir unangenehm, und ich fürchtete um meine körperliche Unversehrtheit, je länger ich zwischen ihnen meinen Platz hatte.

„He, könnt ihr euch nicht Lysander mit dem Kerl hier vorstellen? Der hat Grillen im Kopf, da hättest du Tage dran zu schreiben. Glaubt doch tatsächlich an die zwei Könige!“

„Hab gehört, seine Frau Mutter kommt aus dem Süden, war Priesterin für den König des Nachthimmels!“

„Na, dann ist es wohl kein Wunder, dass er an die Märchen glaubt, immerhin schwenkt seine Mutter jede Nacht mit ihren -„

Ich unterbrach die ausgelassenen Studenten, um mich nach den Königen zu erkundigen, doch bekam ich als Antwort nur Kopfschütteln und Gelächter.

„Kannst du nicht warten, bis er selber hier hineinstolpert?“

„Ha, das wird ein Spaß! Bis dahin trinken wir!“, dröhnte ein drahtiger Student, während sein wohlgenährter Kollege mühsam, schließlich vergeblich versuchte, seinen Schopf nicht in seiner Suppenschüssel wiederzufinden. Ich hatte gelernt, die äußeren Zeichen, dass ich mich schämte, besser zu verbergen, denn solcher Ereignisse Zeuge wurde ich öfter, als ich in Details dem Pergament anvertrauen wollte.

Ich vermochte nicht zu bestimmen, ob die Ankündigung des mir noch nebelgleichen Mannes Lysander meine Neugier und Standhaftigkeit, die einem tapferen Bronzebildnisses glich, an diesem Tisch zu verharren, ausgelöst hatte, doch schaute ich tatsächlich öfter zur Tür, die nunmehr, um jene mit dem städtischen Bildnis des Dunstes der Wüsten, deren Namen die Menschheit nicht kannte, hineinzulassen, mit schreienden Angeln im geöffneten Zustand festgehalten wurde. Kühle Abendluft schwemmte in den Raum, und ich genoss, wie die modrige Luft der Gassen, in denen Geziefer, Bettler, die stolz waren auf auf ihre in vergessenen Schlachten verlorenen Gliedmaßen oder ihre in unachtsamen Liebschaften ihrer Jugend entsprungenen Krankheiten und Entstellungen, von dem grauen Dampf, der über die Steine kroch, verschluckt wurden, sich mit unserem Atem vermengte.

Ich habe schon Menschen mit unterschiedlichstem Wesen und Äußeren gesehen, habe mir jeden Charakterzug der Säftelehre erklären lassen müssen, und so manchen, wie er aus den heimlichen Lehrbüchern der neuen Dichter und Philosophen gefallen schien, und dennoch ist jeder Mensch, der mir begegnet, doch immer neu und voller Geheimnisse. Ach, wie wahr meine Vermutung! Denn was für eine Person wütend ihre fleckigen Handflächen auf die sich unter der Last der Krüge biegenden Tischplatte schlug, als wären die schmalen Finger nicht aus Knochen und Sehnen geformt, sondern aus der Masse einer Enzyklopädie, und mich, der trotz alles Zurückhaltung schwankenden Sinnen und in wirren Gedanken versunken, wieder gewahr werden ließ, dass ich zwischen einigen Studenten saß, deren Befinden von berauschter Schläfrigkeit zur donnernden Gewalt der Kavallerie pendelte, fand nur schwer ihren Platz in meinem Repertoire der Menschentypen.

„Der Himmel ist voller Wolken!“, rief der junge Mann kraftvoll aus und bedachte die um mich verteilten Gelehrten, die, so sie noch in der Lage waren, in Gelächter und Spott ausbrachen, mit einem finsteren Blick, der ihn in alten Zeiten auf den Reisighaufen, gefesselt an einen trockenen Stamm, geführt hätte, sodass ich schließen musste, vor mir stünde niemand Geringeres als Lysander, und dieser hatte wohl im Laufe nur eines Jahres mehr Häme ertragen, als ich den Männern neben mir in ihrem ganzen Lebenszyklus hätte wünschen können. Als er, in einem Ausbruch leidenschaftlicher Wut, die anderen Diener der Wissenschaften tadelte, sie nähmen ihr Wissensgebiet nicht ernst, sie würden ihre Lehrbücher ausschließlich zu dem Zwecke kennen, dass man sie unter ein nicht mehr standfestes Möbel platzieren oder ihren Einband als Unterlage für verwenden könnte, und mich dabei vollkommen übersah, wohl, da er keine Verfehlungen mit meinem fremden Gesicht in Verbindung brachte, nutzte ich die Gelegenheit, seine Gestalt zu betrachten. In der Tat schien er Ahnen im Süden zu haben, doch darauf deuteten nur die schwarzen Locken hin, die mit einem Band nachlässig zusammengebunden waren, während stellenweise die fließenden Wellen von Stirn und Schläfen von knochengelbem Kerzenwachs aneinander hafteten, denn seine Haut war beinahe unangenehm milchweiß wie jene der schwindsüchtigen Herrschaften. Seine Gesichtszüge stellte ich mir hingegen angenehm vor, allerdings entstellte der Zorn sie zu einer bleiernen Theaterfratze, zwischen den Augenbrauen verzog sich die Haut der Stirn, und die geschwungenen Lippen gaben jetzt ein animalisches Maul frei. Doch da ich mich an meinen Wusch klammerte, das Wirtshaus nicht ohne eine wirklich fantastische Legende, gebannt auf Papier, zu verlassen, und jener Lysander mir Auskunft über die Könige geben können, würde ich mit jeder Silbe aufmerksam sein müssen, ihn keinesfalls zu erzürnen, wollte ich nicht, dass sein Ärger im Gespräch über mich kam wie brennender Schwefel.

Der drahtige Student zerrte ihn an den Tisch, auf der Bank Platz zu nehmen, und einige Minuten saß er mir mit finsterem Blick gegenüber, schweigend wie die Wächter der sandsteinernen Tempel, bevor er mich durch die nicht abebbenden Spottreden seiner Kollegen ansprach.

„Du solltest nicht hier sein. Diese Gestalten verderben dich, du bist doch kein Student aus dieser Stadt?“

Ich verneinte, meine Mission erklärend, wobei ich meine Worte sorgfältig wählte, dass er, ein loses Haar vom Ärmel seines schwarzen Anzuges streichend, der wohl im Gegensatz zu meinem nur die wenigen Straßen dieser Stadt gesehen hatte, von meiner Zunge nicht die Absicht von Verspottung oder Geringschätzung entnehmen konnte. Er stützte den Kopf auf die linke Hand, die von Tintenflecken wie von einer Seuche gezeichnet schien, bevor er wieder sprach, wobei ich einen Klang in seiner Stimme ausmachte, die sich durch das dumpfe Lärmen um mich schnitt.

„Haben sie dir von mir erzählt? Sag es nicht, man sieht es dir an, wie einem Kind, das Milch verschüttet hat. Magst du alles ohne die Witze hören? Komm, hier ist es der falsche Ort, unter den Sternen müssen wir sein.“

So kämpften wir uns aus dem Kreis der Studenten, denn meine Faszination, meine Neugier drängte sich in meinem Kopf wie in meinem Herzen, ich hatte, was mir leider erst zweimal widerfahren war, einen Funken der geheimen, weltumspannenden Wahrheit zu sehen.

„Du sammelst Geschichten, sagst du? Ich gebe dir eine Geschichte, die Himmel und Erde miteinander verschmilzt, wenn du alles vergisst, was diese Tölpel sagten. Hier in der Gegend kennen sie viele als Legende, wie alle Sphären entstanden sind, aber ich weiß etwas mehr. Die Geschichte, die ich dir erzähle, ist wahr.“

Der dunkle Zorn war aus seinen Augen gewichen, und tatsächlich sah ich im dunklem Blau, das den wabernden Pflanzen am Grunde eines Sees in der Dämmerung glich, ehrliche Freundlichkeit und Wertschätzung für meine Reise, meine Berufung, wonach er, die Worte der Gelehrten noch einmal harsch beantwortend, mir zur Tür deutete, einem Schlund in die dämonische Gasse, in der Stöhnen und Schreie derer, die sich anboten, und derer, die sich nahmen, wonach ihnen verlangte, gleich, was es war, sich an den Mauern brachen, und ich folgte ihm, meiner plötzlichen, den Handlungen im Traume ähnelnden Sicherheit vertrauend, was sein Wesen ausmachte, in die Dunkelheit.

(Fortsetzung unter Die Geschichte der zwei Könige des Himmels (Teil 3))

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